Sonntag

Mittags, der Parkplatz in Neustift. Die Sonne brennt, als wir aus dem schattigen Restaurant kommen. Die andere Hälfte der Gruppe ist schon da und Thomas, unser Bergführer, verteilt an jeden großzügig weiteren Ballast in Form von Steigeisen, Klettergurten, Karabinern und Eispickeln. Das erschwert den Rucksack um einiges. Gut, erst mal ist er noch nicht auf den Rücken zu heben, sondern nur ins Taxi. Das bringt uns auf etwas angenehmere 1.700 m.


Hier ist es nicht ganz so heiß. Noch etwas Sonnencreme auflegen, dann geht es los. Ziemlich schwer bepackt. Was haben es die Tageswanderer gut, die uns locker und flockig, mit wenig Gepäck, bergab entgegen kommen.

Die Franz-Senn-Hütte, die Terrasse und das Radler sind schnell erreicht. Dann beginnt der letzte Aufstieg für heute, zu unseren Schlafplätzen. Ich ahne schon Schlimmes, als es Treppe um Treppe höher geht. Und richtig, wir werden direkt unter der Dachschräge einquartiert, links und rechts ein Schlafplatz neben dem anderen. Wird sicher schön kuschelig diese Nacht. Aber dafür gibt es eine heiße Dusche umsonst und sehr leckere Spinatknödel zum Abendessen. Ist ja auch was Feines.


Danach sind noch die Steigeisen und Klettergurte anzupassen. Erste Gehversuche werden gleich unternommen. Auch steile Wiesen lassen sich damit prima erklimmen. Bin ich froh, das in der Dämmerung nicht mehr ganz so viele Leute auf der Terrasse sind, um diesem Treiben zuzuschauen.

 

Montag

Die Nacht war heiß, aber ziemlich ruhig. Vermutlich haben die Schnarcher genauso wenig geschlafen wie ich. Ein großes Frühstücksbüffet entschädigt mich dann aber für diese Nacht.

Aufbruch - das Tal entlang in Richtung Gletscher. Wie war das doch gleich mit dem Anschnallen der Steigeisen: muss der Riemen nach vorne, hinten, rechts oder links? So, jetzt ist es richtig. Die ersten Schritte - das ist ja bisher ganz einfach. So marschieren wir über den Gletscher bis zur Wildgratscharte.

Das sieht aber sehr steil aus. Und da soll ich hoch? Ich glaube, ich muß in der Tourenbeschreibung etwas überlesen haben. Aber stehenbleiben kann ich hier auch nicht. Also dann, die anderen klettern ja schon munter vor mir. Karabiner ins Drahtseil eingehängt und los. Mit Thomas hilfreichen Vorschlägen von unten, wohin mit Händen und/oder Füßen geht es besser als erwartet. Endlich oben. Und Mittagspause. Ich genieße die Aussicht, die Sonne, die Nüsse und einen Schluck Tee. Weniger den Blick auf den Abstieg. Der ist schön steil. Noch dazu sieht das Geröll sehr rutschig aus. Aber auch hier gilt: sieht schlimmer aus, als es ist.

 

Unten angekommen heißt es wieder Steigeisen anschnallen. Warum passen die denn jetzt nicht mehr? Sehr merkwürdig. Stunden später habe auch ich es endlich geschafft. Alle warten schon, nun kann es weitergehen. Der Gletscher ist wieder zum Ausruhen geeignet. Das letzte Stück, entlang der Moräne, zieht sich da schon etwas länger. Endlich ist die Amberger Hütte im Blick. Das tut gut - Schuhe ausziehen, etwas trinken und die letzten Sonnenstrahlen genießen.

Zimmer beziehen, diesmal in kleinen Einheiten à 3 und 4 Schlafplätze und dann Abendessen. Danach gibt es noch ein teuflisches Würfelspiel: Schweinetreiben. Taktik und Planung helfen überhaupt nichts, nur das Glück zählt. Der Verlierer der letzten Runde muß den Schlummertrunk in Form von Marillenschnaps bezahlen.

Dienstag

Die Wettervorhersage ist nicht gut. Frühes Aufstehen ist angesagt, um möglichst noch vor dem Regen bis zur nächsten Hütte zu kommen. Es dämmert noch, als es losgeht. Wie gestern: das Tal hinauf, am Bach entlang. Schön eben - da kann ich noch etwas weiter schlafen. Aber wie in den Bergen so üblich, geht es natürlich bald wieder bergauf. Frühsport. Am Gletscher angekommen, funktioniert das Anschnallen der Steigeisen heute schon viel besser.

Noch scheint die Sonne, aber um Weg und Zeit zu sparen, heißt es an der dritten Gletscherspalte links abbiegen, in Richtung Daunscharte. Das letzte Stück bis zur Scharte über uns scheint verdammt eisig und steil. Wir werden unten erst mal zur Mittagspause auf unseren Rucksäcken abgesetzt, während Thomas nach einem Weg sucht, der auch für Anfänger wie mich geeignet ist. Findet er aber nicht. Die Informationen vom Hüttenwirt, das man hier prima gehen kann, scheinen etwas veraltet. So erweist sich die Abkürzung als leichter Umweg.

 

Also wieder abwärts, zum Daunjoch. Hier ist kein Eis, aber besonders gut geht es in dem weichen, lockeren Boden auch nicht bergauf. Zwei Schritte hoch und einen wieder runter gerutscht. Als wir oben sind, ist von dem schönen Wetter nichts mehr übrig. Gleich weiter, wieder bergab.

Wir sind gerade noch trocken runter gekommen. Es fängt an zu regnen und zu donnern. Aber die Dresdner Hütte ist fast erreicht. Raus aus den nassen Sachen und rein in die Hütte. Der Apfelstrudel tut richtig gut. Um nun doch noch zur Hildesheimer Hütte zu gelangen, wird uns eine zusätzliche Seilbahnfahrt geboten. Schön sehen Skigebiete im Sommer ja nicht aus - besonders bei Regen. Von der Bergstation ist es nur noch ein kurzes Stück bis zur Hütte.

 

Der Kachelofen ist einladend warm, das Abendessen kommt schnell und ist besonders lecker. Einen Nachschlag gibt es außerdem. Und dann auch noch Nachtisch... hmmmm. Für den weiteren Abend stellt sich die Frage: Was spielen wir heute? Schweineschlachten. Aber nur der Name ist anders. Ansonsten gilt: gleiches Spiel, gleiche Regeln und auch gleicher Verlierer. Aber etwas ist doch anders: heute geht es um eine Flasche Rotwein.

Mittwoch

Der geplante frühe Aufbruch erweist sich als Fehlstart. Das Wetter ist zu schlecht, so kann ich nach dem Frühstück noch eine Runde schlafen. Und in dem allerliebsten Kitschroman aus der Hüttenbibliothek schmökern. Um 10 Uhr ist dann Knotenkunde: Achterknoten, Prusik Knoten, Sackstich - wenn‘s schön ordentlich aussieht ist es meistens auch richtig.

Der Regen hat aufgehört: In der Nähe der Hütte gibt es einen kleinen Klettersteig. Da hält uns nichts mehr drinnen. Ups, das fängt ja schon gleich wieder gut an: mit einem schönen, großen, glatten Felsblock. Aber nachdem ich den überwunden habe, geht es immer besser, und macht auch immer mehr Spaß. Schade, dass wir so schnell oben sind. Ein Blick auf die Uhr zeigt aber, dass nur die Zeit so schnell vergangen ist.

Mittagspause und eine Stärkung in der Hütte. Am Nachmittag steht dann noch Abseilen auf dem Stundenplan. Gut gesichert am einbetonierten Wäscheständer geht es abwärts.

Zum Schluß fängt es mal wieder an zu regnen. Aber die Hütte ist ja ganz in der Nähe und der Kachelofen wieder gemütlich warm. Es war trotz des Wetters und der Zwangspause ein schöner Tag.


Auch heute wieder: Super Abendessen. Und dann wie immer, Schweinetreiben, Schweineschlachten, Schwein ins Körbchen. Es gibt jeden Tag einen neuen Namen. Allerdings wieder denselben Verlierer. So viel Pech gibt es doch gar nicht.


Donnerstag

Im Laufe der Nacht hört das Trommeln des Regens auf. Ein Blick aus dem Fenster zeigt, nicht der Niederschlag hat aufgehört, er ist nur in Schnee übergegangen. Dafür sehe ich tatsächlich einen Hauch von blauem Himmel.

Nachdem im Waschraum fleißig darüber spekuliert wird, ob wir bei diesem Schnee überhaupt irgendwohin gehen oder doch wieder zurück zur Dresdner Hütte, sitzen wir etwas betrübt am Frühstückstisch. Dann geht es aber doch los, in Richtung Zuckerhütl. Schau‘n wir mal, wo wir am Ende ankommen. Zuerst, zum Wachwerden, steil bergab, dann, zum Warmwerden, wieder bergauf. Sogar die Sonne läßt sich kurz blicken. Beim Weg über den Pfaffenferner hat sich aber schon wieder das einheitliche Grau durchgesetzt.

 

Links oder rechts, das ist auf dem Pfaffensattel die Frage. Rechts, zum Zuckerhütl. Ich hatte nicht damit gerechnet. Die Rucksäcke können unten bleiben, da geht der Aufstieg doch gleich viel leichter. Noch einmal um die Ecke, dann ist schon das Gipfelkreuz in Sicht. Das Wetter wird nicht besser, so bleibt uns nur ein kurzer Moment auf dem Gipfel, dann geht es wieder runter. Und auf der anderen Seite wieder hoch. Die Luft sirrt vom anziehenden Gewitter, auch das Gipfelkreuz vom Wilden Pfaff wird links liegen gelassen. Der Weg abwärts ist durch den Schnee auch nicht leichter geworden. Gut, wenn der Vordermann wartet, um Ratschläge für die schwierigsten Stellen zu geben. So langsam wird es weniger steil, aber mit leichtem Schneefall und kalten Wind von rechts nicht grade gemütlicher auf dem Grad.

Der nächste Gletscher ist erreicht. Endlich mal keine Steine mehr. Noch ein kurzer Anstieg vom Gletscher, dann sind wir bei der Müller Hütte. Raus aus den nassen Sachen und rein in die warme Stube. Heiße Schokolade und Apfelstrudel für die erste Runde. Das reicht nicht bis zur nächsten Mahlzeit. Also bestelle ich mir noch einen Cappuccino und eine alpine Buschetta. Ein schönes Gefühl, von innen und außen wieder warm zu werden.

Im Waschraum vergleichen wir die blauen Flecken. Ich bin nicht die einzige, die diese in vielen Variationen hat. Den Tag über habe ich gar nicht gemerkt, wie intensiv der Kontakt zu den Felsen war. Und nach dem Abendessen sind wir heute sogar zum Schweinetreiben zu müde.

 

Freitag

Zum letzten Mal wird der Rucksack gepackt. Die Sachen sind auch wieder mehr oder weniger trocken, blauer Himmel zeigt sich im Süden. Doch noch ein Tag mit Aussicht? Noch einmal das Zuckerhütl sehen?

Die Hoffnung trügt. Als wir auf dem Gletscher sind, hat es sich zum größten Teil schon wieder zugezogen. Sehr wildromantisch, die um die Berge ziehenden Wolken unter uns.

 

Ein letztes Mal noch bergauf, etwas klettern ist auch noch wieder dabei. Das war bei mir wenig elegant, gibt bestimmt wieder drei neue blaue Flecken an den Knien. Hauptsache oben. Von Aussicht keine Spur mehr. Wir verzichten auf den Grat und den Gipfel und es geht direkt zurück nach Österreich. Und hinein in den Nebel. So geht es mal mehr oder weniger rutschig, immer gut am Seil gesichert, bergab. Irgendwann wird der Schnee weniger, es ist ein Weg zu erkennen, der Weg wird breiter, und endet schließlich an der Nürnberger Hütte. Pünktlich zum Mittagessen. Sehr gemütlich, schade dass wir hier auf die Übernachtung verzichten müssen.

Hinter der Nürnberger Hütte wird der Weg richtig bequem, aber trotzdem erscheinen mir nach 1.100 m Abstieg die nächsten 600 m bergab eher mühsam. Aber schön, nach 2 Tagen im Winterurlaub wieder Grün und Blumen zu sehen. Und mal wieder im T-Shirt zu laufen. Die ersten Kuhglocken sind zu hören, und dann ist die Zivilisation in Form der Bushaltestelle an der Straße erreicht. Der Bus kommt, und bringt uns zurück nach Neustift. Dann bleibt uns nur noch das Abschiednehmen.

Auch wenn ich für heute froh bin, keinen Schritt mehr gehen zu müssen: Es war eine super Tour, ich freu mich schon aufs nächste Jahr.