Über eine Wandertour durch die Alpen und die Verwandlung von Reiseträumen in mittelschwere Wirklichkeit.

Was tut eine Norddeutsche, wenn es ihr in selbiger Tiefebene zu wohl wird? Sie schnürt ihr angeblich wasserdichtes Ränzel, zwängt die büroschweren Füße in ein paar klobige Wanderstiefel und macht sich naiven Mutes auf den Weg nach Oberstdorf, um von dort mit elf Gleichgesinnten und zwei Bergführern nach Meran zu wandern. Was ihr erst dort richtig klar wird: Dummerweise hat irgend jemand in grauer Tertiär-Vorzeit zwischen diesen beiden Orten ein paar Erdhügel aufgeschüttet.

1. Tag: Aufstieg zur Kemptner Hütte

2. Tag: Von der Kemptner Hütte zur Memminger Hütte

3. Tag: Durch das Zamser Loch  zur Larcheralm

4. Tag: Vom Pitztal auf die Braunschweiger Hütte

5. Tag: Über das Rettenbach Jöchl

6. Tag: Zur Similaunhütte und ins Schnalstal

7. Tag: Von Meran zurück nach Oberstdorf

 

 

 

 

 

1. Tag: Während ich mit dem Zug in aller Frühe von Freiburg Richtung Oberstdorf fahre, um mich pünktlich um 11 Uhr mit den anderen am OASE Bergschulbüro zu treffen, lasse ich noch einmal die Reizwörter der Tourenbeschreibung auf mich wirken. Von "bunten Blumenwiesen" ist da die Rede, von "faszinierenden Rundblicken" und "wunderschönen Sonnenuntergängen". Klingt verlockend. Die Gehzeiten und Höhenangaben versuche ich indessen taktisch klug zu umlesen.

Als eine der letzten erreiche ich die Gruppe und blicke in lauter freundlich wirkende Gesichter, die ich erst später zuzuordnen lerne: Joe und Kiki aus Haan, die zusammen mit Alex und Martin aus Wuppertal gekommen sind, Renate und ihr Sohn Markus aus Schwetzingen, Thea (Maria Theresia!) aus Passau, Udo aus Köln, Horst aus Berlin, Anita aus Wiedemannsdorf, Nicola aus Landshut und unsere Bergführer Georg und Manfred aus Lindenberg.

Bevor wir uns auf den Weg machen, wiegt Georg probeweise unsere Rucksäcke. Anita ist bereits dabei, mit beiden Händen Dinge wieder herauszuschaufeln, bei deren Anblick mir die Augen übergehen. Was will sie mit den unzähligen Brausetabletten und einem Kulturbeutel, auf dessen Größe Julia Roberts neidisch gewesen wäre? Unterwegs stellt sich dann allerdings heraus, dass wir alle unsere kleinen Luxusgüter dabei haben. Alex und ich ertappen uns gegenseitig bei der Mitführung eines Föns, Kiki schleppt einen Tirner mit sich herum, der geworfen mit Sicherheit tödlich ist, und andere haben sich mit Technik ausgerüstet, als da wären schwere Teleobjektive oder Handies.

Nach letzten vorbereitenden Maßnahmen (Wo ist das Klo?) starten wir mit einem Kleinbus zur Spielmannsau, um von dort zur Kemptner Hütte außzusteigen. In etwa drei Stunden sollen die 850 Meter Höhenunterschied zu bewältigen sein. Kaum sind wir losgegangen, beginnt es zu regnen. Aber noch sind wir guten Mutes, hüllen die Rucksäcke in zusätzlichen Kunststoff, steigen selbst in atmungsaktive Membranen und schwitzen uns so allmählich bergan. Meine Jacke denkt allerdings gar nicht daran, Luft zu holen, und so bin ich wie aus dem Wasser gezogen. Von den anderen erfahre ich, dass es ihnen ähnlich ergeht. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Was wir alle noch nicht ahnen: Die Nässe wird uns in den nächsten Tagen hartnäckig begleiten. Mal von innen, mal von außen, meistens aber von beiden Seiten.

Auf der Kemptner Hütte wimmelt es nur so von Wanderern, und wir versuchen, unsere tropfenden Sachen und müffelnden Schuhe noch irgendwie zwischen die der anderen zu quetschen. Manfred kommt und trägt außer seinem eigenen auch noch Anitas Rucksack, weil sie schon jetzt nicht mehr kann. Wir quirlen in die aufgehetzte Hütte und freuen uns erstmal auf ein gemütliches Abendessen.

Zu zehnt liegen wir in der Nacht in einem winzigen, sauerstoffarmen Raum. Bin ich beim Wandern auch Laie, hier bin ich Profi: Durch zahlreiche Schnarcher leidvoll geprüft, gehört zu meiner Ausrüstung Ohropax. Kiki und Alex bändigen ihre holzverarbeitenden Männer dagegen mechanisch durch leichte Hiebe in die Seite oder Wendemanöver. An Udo und Horst traut sich allerdings niemand zu rütteln, so daß die Nacht trotz allem unruhig wird.

2. Tag: Der nächste Morgen beginnt mit einer herben Enttäuschung: Es regnet wieder! Während wir mit Unbehagen in unsere noch klammen Klamotten steigen, trifft Anita die Entscheidung aufzugeben. Wir verabschieden uns von ihr, heimlich ein bisschen neidisch darauf, dass sie nun bald wieder im Warmen und Trockenen sitzen wird. Doch so schnell will keiner von uns das Handtuch werfen.

Triefend erreichen wir das Mädelejoch - die Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Hier ringt sich Georg zu einer kleinen Ansprache durch, die auch nötig ist, denn sehen können wir in dem Fisselregen höchstens fünfzig Meter weit. Und trotzdem ist es ein erster ganz winziger Triumph: Wir stehen auf über 2000 Metern und haben einen markanten Punkt erreicht.

Von da an geht es bergab. Unser Weg ist ein plätschernder Bach. Auch von den Hängen ringsum tröpfelt und rauscht es. Auf den Kapuzen prasselt das Wasser. Weil ich nicht friere, fühle ich mich in dieser dunstigen, ruhigen Welt auf einmal ganz wohl. Nach und nach erreichen wir wieder die Baumgrenze. An einem Hang hat eine Lawine große Tannen oder Fichten geknickt und einen Streifen der Verwüstung hinterlassen.

Während Thea, Renate, Udo und Horst locker ausschreiten, spüren wir anderen allmählich unsere nicht ausreichend trainierten Beinmuskeln. Besonders Joe quält sich mit der Zeit immer mehr. Nach einer Meniskusoperation und einem Motorradunfall, bei dem er sich das Fußgelenk brach, ist er noch nicht wieder völlig hergestellt. Wir bewundern den Galgenhumor und die Zähigkeit, mit der er sicherlich nicht geringe Schmerzen erträgt. Aber auf uns alle hat die Gruppe einen disziplinierenden Effekt.

Als wir gegen Mittag den Ort Holzgau im Lechtal erreichen, ist klar, dass Joe eine Schonpause für seine Knochen braucht. Wir essen noch zusammen in einem Gasthof, während die freundliche Wirtin unsere triefenden Klamotten ohne Zaudern in ihren Wäschetrockner füllt. Dann heißt es vorübergehend Abschied nehmen. Joe und seine Frau Kiki bleiben über Nacht in Holzgau. Am nächsten Mittag wollen sie wieder zu uns stoßen. Ein komisches Gefühl; außerdem wird es ohne Kiki ziemlich still... Wir anderen besteigen zwei Taxibusse und lassen uns ins Madautal fahren, von wo wir zur Memminger Hütte aufsteigen wollen, die immerhin wieder auf 2242 Metern liegt. Dankbar nehmen wir den Rucksacktransport mit der Materialseilbahn an.

Müde und vor allem durchgeweicht erreichen wir am frühen Abend unser Nachtquartier und haben es diesmal fast für uns allein, denn am nächsten Tag will der Hüttenwirt die Saison beenden, "weil der Schnee dann runterkommt". Letzterer hat es anscheinend ziemlich eilig, denn bei einem Blick aus dem Fenster entdecken wir, das die Schneegrenze uns klammheimlich näher rückt

Zum Abendessen gibt es Käsespätzle und heißen Tee, was unsere Lebensgeister wieder weckt. Von Martin lernen wir, dass eine Wolldecke auf den Knien "muckelig" ist. Er hat das auch nötig, denn seine lange Trainingshose liegt zuhause und hält sich warm. Trotzdem gehen alle so früh ins Bett wie wohl seit ihrem 10. Lebensjahr nicht mehr. Denn am nächsten Tag wollen wir bereits um sieben Uhr aufbrechen. Der längste Tag der Tour liegt vor uns.

Beim Zähneputzen mit dem Gletscherwasser habe ich das Gefühl, dass mir der Zahnschmelz in lauter kleine Scherben zerspringt. Ich schiele nach den anderen. die offensichtlich auch nur die nötigsten Reinigungen an sich vornehmen: Dreck- wärmt!

 

3. Tag: Schon das Aufstehen kostet Überwindung. Es ist kalt im Schlafraum, und beim Trepperuntersteigen hätte John Wayne seine Freude an uns. Erstaunlich, wo man überall Muskeln hat, die wehtun können.

Dann geht es los. Zum ersten Mal ohne Regen. Es ist noch zu früh für echte Prognosen, doch der Himmel sieht vielversprechend aus. Und wir haben Glück. Es wird ein strahlender Sonnentag. Georg erklärt uns, wo wir raufsteigen müssen, was Markus ein erschüttertes "Wie, zu Fuß???" entlockt. Ober die Seescharte kraxeln wir ins Lochbachtal und haben einen grandiosen Blick. Endlich kann man mal Fotos machen und die Regenjacken ausziehen. Vor uns liegt der lange Abstieg nach Zams, laut Plan ist ein Höhenunterschied von 2100 Metern zu bewältigen. Ich bin wie die andern guten Mutes, weil ich keinen Schimmer habe, was das bedeutet. Vier Stunden später weiß ich es... Der Weg beginnt sehr steil, so dass viele ihre Teleskopstöcke einsetzen. Georg hingegen schlendert gemütlich mit den Händen in den Hosentaschen vor uns her. Er hat die Angewohnheit immer erst in den Hütten über die Türschwellen zu stolpern, die für ihn offensichtlich die größere Herausforderung darstellen.

Es ist herrlich, die Sonne im Gesicht zu spüren. Wir haben das malerische Tat ganz für uns allein. Durch das Zamser Loch erreichen wir nach langem Marsch den Ort Zams. Hier gibt es ein Wiedersehen mit Kiki und Joe, der an diesem Tag seinen 50. Geburtstag feiert. Wir freuen uns, dass sie wieder dabei sind.

Nach der Mittagsrast wollen wir mit der Venetbahn auf den Krahberg fahren und von dort zur Larcheralm laufen, unserem Nachtquartier, das mit dem Luxus einer warmen Dusche lockt.

Doch vorher besichtigen wir noch eine Apotheke, denn wir müssen dringend unsere Vorräte an Latschenkiefertinktur auffüllen, deren Geruch uns wie eine Erkennungszeichen ständig um weht. Horst ist knurrig. Es geht ihm nicht schnell genug. Überhaupt sollen wir gefälligst auf ihn Rücksicht nehmen, nicht umgekehrt. Wir ignorieren seinen Egoismus soweit wie möglich.

Wieder unterwegs, wird der Weg bis zur Larcheralm uns lang. Diesmal hat Alex Probleme. Ihre Muskeln sind so übersäuert, dass ihr jeder Schritt starke Schmerzen bereitet. Doch sie läuft klaglos weiter. Schließlich lässt sie sich von Manfred, der wieder mal gutmütig den Packesel spielt, das letzte Stück den Rucksack tragen Auch mich verlässt allmählich die Kraft. Auf einer Grassode rutsche ich aus und plumpse unelegant ins Moor. Die Jeans ist hin, und Spötter schießen neben mir wie Pilze aus dem Boden. Renate, Thea und Udo hingegen klettern wie die Gemsen.

Endlich ist die Larcheralm erreicht. Ein kleines Paradies erwartet uns. Die Hütte ist gerade groß genug für die Gruppe. Wir werden herzlich empfangen.

Zum Abendessen gibt es noch einmal Käsespätzle, jedoch diesmal richtig leckere. Der Hüttenwirt kommt mit einer riesigen guseisernen Pfanne der Köstlichkeit an den Tisch und verspricht eine zweite.

Horst mäkelt wegen mangelnder Abwechslung auf dem Speiseplan und isst demonstrativ von zu Hause Mitgebrachtes. Doch den von Joe spendierten Marillenschnaps trinkt er gerne mit. Er und Udo sprechen dem hochprozentigen Getränk sogar so zu, dass es eine unruhige Nacht für uns wird. Die beiden Schnapsleichen taumeln ständig die Treppe rauf und runter, entweder um sich zu übergeben oder um mit Wasser ihren Nachdurst zu stillen. Alex und Martin, die unter der Treppe zu schlafen versuchen, hegen Mordgedanken.

 

4. Tag: Der nächste Tag erwartet uns mit Bindfadenregen und einem herrlichen Frühstück, dass die Gedanken an einen weiteren Tag in Nässe erstmal vertreibt. Doch die Stimmung ist ein bisschen gespannt. Udo ist noch richtig krank vom Alkohol, Horst spricht ebenfalls kein Wort, wir anderen können uns die eine oder andere Lästerei nicht verkneifen.

Alex Beinen geht es etwas besser, doch wir müssen ja wieder bergab. Georg verordnet ihr Morgengymnastik und macht ihr Mut. Sie beschließt, es zu versuchen. Ich bin beeindruckt und weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle durchgehalten hätte.

Wir versuchen, unsere Laune durch Galgenhumor wieder herzustellen, was ganz gut funktioniert. Doch Horst grenzt sich bewusst aus, läuft weit voraus. Udo ist ebenfalls schweigsam. Ihm geht es sichtlich hundsmiserabel.

Die letzten Meter in den Ort Wenns, von wo aus wir mit dem Bus nach Mittelberg ins Pitztal fahren wollen, muss Alex sich von einer freundlichen Autofahrerin mitnehmen lassen. Aufwärts, so hofft sie, wird es leichter gehen.

Während wir auf den Bus war, kaufen sich Martin und Alex Regenhosen in einem Sportgeschäft, das sie zwar arm aber glücklich wieder verlassen. Renate zittert vor Kälte. Sowie man sich nicht bewegt, wird die Nässe am Körper eisig.

Im Bus dösen wir vor uns hin. Ein besonders langer Aufenthalt an einer Haltestelle macht uns misstrauisch. Eine Weile warten wir, dann fragt Georg nach. Zu unserer Verblüffung und Erheiterung erfahren wir, dass der Fahrer gerade Mittagspause macht. Fremde Sitten!

In Mittelberg kommt es zu einem Zwischenfall. Weil die Gletscherstube, in der wir Rast machen wollen, wider Erwarten geschlossen hat, beschließen wir, direkt zur Braunschweiger Hütte weiter zulaufen und es uns dort gemütlich zu machen. Doch diese Idee passt Horst überhaupt nicht. Mit einem lakonischen "Mir reicht's. Ich gehe jetzt", dreht der Berliner sich um und stapft samt OASE-Schirm gen Tal. Georg versucht, mit ihm zu sprechen, doch vergeblich. Wir sind uns nach dem ersten Schreck schnell einig: kein Verlust! Unsoziale Querulanten haben in einer Wandergruppe nichts verloren.

Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte ist ziemlich steil und durch die Mischung von Regen und Schnee auch glitschig, doch wir können unsere Rucksäcke mit der Materialseilbahn transportieren lassen, müssen also nur unsere eigenen Kilos den Berg hoch hieven. Vorbei an einem donnernden Wasserfall steigen wir langsam in zwei Gruppen bergan. Udo quält sich sehr. Immer noch behält er nicht einmal einen Schluck Wasser bei sich, erbricht alles sofort. Im wahrsten Sinne des Wortes mit "Hängen und Würgen" hält er durch.

Wir schaffen es alle. Auf 2760 Metern wartet unser gut geheiztes Nachtquartier auf uns. Wir können uns nach Vergnügen ausbreiten, der Trockenraum hat Platz, die Quartiere sind kalt aber geräumig und der Wirt versorgt uns mit Kaffee, Tee und Sachertorte. Wir dampfen an unserem Tisch direkt am trutzigen Kachelofen. Es geht uns gut.

Nach und nach wird es sogar so warm, dass Kiki vorübergehend das Fenster öffnen will. Beherzt zieht sie am Griff und hält im nächsten Moment grübelnd den gesamten Flügel samt Rahmen in den Händen. Nachdem wir ausgelacht haben, versuchen sich verschiedene Experten an der Beseitigung des Schadens, was ihnen zwar nicht gelingt doch eine lebhafte technische Diskussion in Gang setzt. Als Bauingenieur Joe anfängt sich zu langweilen, setzt er den Rahmen mit einem Handgriff wieder ein.

Zum Abendessen gibt es Geschnetzeltes und Kaiserschmarrn, was uns vorübergehend in gefräßiges Schweigen versetzt Anschließend überredet uns Kiki zu ein paar Runden Maumau. Verstohlen schauen wir danach auf die Uhr und gähnen. Es ist erst Neun, da kann man doch eigentlich nicht schon ins Bett gehen, oder?! Man kann!

 

5. Tag: Noch ist es dunstig, doch der Wirt verspricht am Morgen: Es wird ein sonniger Tag! (Georgs Prognosen bringen wir inzwischen ein gewisses Misstrauen entgegen.) Gute Aussichten für die Überquerung des Rettenbach Jöchls. Für einige von uns ist es das erste Mal, dass sie auf über 3000 Meter Höhe stehen, und wir sind ein bisschen Stolz. Der Blick auf die Ötztaler Bergriesen ist erhebend.

Danach erwartet uns ein ausgelassener Abstieg über den Gletscher. Unter blauem Himmel und strahlender Sonne laufen, rutschen und kugeln wir durch den völlig unberührten Schnee, mal auf dem Allerwertesten, mal mit der Nase voran. Jetzt müsste man Skier dabei haben!

Wir erreichen den Bus, der uns über das Seiter Jöchl auf die Tiefenbachseite bringen soll, pünktlich auf die Minute. Kaum haben wir es uns in den Sitzen bequem gemacht, müssen wir wieder aufstehen. Doch der Rest der Tagesetappe über den Panorama-Höhenweg nach Vent ist mühelos zu bewältigen. Mit kaum Höhenunterschieden, dafür aber einem herrlichen Blick laufen wir hintereinander her und können endlich einmal draußen rasten.

Kiki und ich versuchen uns in einer neuen Variante des "PP" (Panorama-Pinkelns). Die Fotografen können sich nur mit Mühe davon abhalten, unsere kleine Einlage zu knipsen. Die Murmeltiere und Schneehühner haben indessen weniger Skrupel als Zuschauer. Wegen des großen Erfolgs erledigen die weiblichen Mitglieder der Tour ihre elementaren Bedürfnisse fortan immer in der Gruppe, was Martin schließlich zu der wissenschaftlichen Äußerung treibt, dass das "bei Frauen wohl genetisch sein müsse".

Auf einer Wiese oberhalb von Vent lassen wir uns die Sonne auf den Bauch scheinen und genießen die Aussicht auf die Berge und den Abend im Hotel mit heißer Dusche, Sauna und Kamienfeuer. Jetzt wissen wir die Erungenschaften der Zivilisation wieder zu schätzen. Doch die vergangenen Tage möchte keiner missen.

Unser Einzug ins Hotel vollzieht sich dank Kiki spektakulär, die alle uns auf der Treppe Entgegenkommenden mit einem "Weg da, wir kommen vom Gletscher!" vertreibt. Recht hat sie. Warmduscher sind das alles hier, Tagestourler, Neigschmeckte. Aber wir kommen vom Berg, wir sind die Harten. Ja voll! (Jetzt aber schnell unter die heiße Brause. Ach wie herrlich!)

Nach ausgiebigen Reinigungsorgien und einer entspannenden Schwitzkur treffen wir uns zum Abendessen wieder. Alte haben gezaubert: ein frisches T-Shirt hier, eine saubere Hose dort, ein bisschen Farbe auf den Lippen und geföhnte Haare. Waren wir jemals schöner? Schwerlich.

Thea trägt es mit Fassung, dass auch diese Herberge das Wort "vegetarisch" offensichtlich nicht kennt. Einen Teller mit Reis und Erbsen, die sich in der Gesellschaft von Speckstücken befinden, lässt sie zurückgehen und ahnt was ihr bevorsteht: Bratkartoffeln, Spinat und Rührei. Gelassen kaut sie die Gründonnerstags-Köstlichkeit.

Der Rest des Abends vergeht im Nu mit einem Glas Wein vor dem knackenden Kaminfeuer. Der kommende Tag ist schon der letzte Wandertag.

 

6. Tag: Laut Plan erwartet uns nach dem reichhaltigen Frühstücksbuffet eine gemütliche Wanderung zur Martin-Busch-Hütte, bei der wir erstaunlich ins Schnaufen geraten. Nur Kiki nimmt das wörtlich und sprintet voraus, als gäbe es heute Kilometergeld. Das Wetter ist uns zunächst gewogen, doch während wir weiter zur Si milaunhütte steigen, hüllen uns Wolken ein und umgeben uns mit einem feinen Sprühregen. Der stürmische Wind treibt die Feuchtigkeit durch die Kleidung.

Georg erzählt Alex auf ihre Frage nach der Entfernung etwas von "noch drei Kurven", womit er sie erstaunlicher weise die nächsten zwei Stunden zufriedenstellt. Erst als wir bei Kurve 27 aufs Gletschereis schliddern, wird sie allmählich argwöhnisch. Ohne Ortskenntnisse ist man bei diesem Wetter aufgeschmissen. Man muss wissen, wo die Wegmarkierungen zu suchen sind, um sie zu finden. Aber wir erreichen gegen Mittag tatsächlich die Similaunhütte und sind in Italien angekommen.

Bei starkem Wind und kräftiger Kalte steigen wir nach der Rast ins Schnalstal ab. Allmählich wird die karge, fast vegetationslose Landschaft wieder lieblicher - und feuchter. Der Regen will uns zum Ende unserer Tour noch einmal zeigen, wer hier der Herr ist. Egal.

Nach einer letzten Pause auf einem Südtiroler Hof mitten zwischen Schafen besteigen wir am Vernagt-Stausee zwei Kleinbusse und werden uns plötzlich bewusst, dass das unsere letzten Wanderschritte waren. Durch das Schnalstal fahren wir nach Meran, vorbei an Reinhold Messners Schloss Juval, vorbei auch an Obstplantagen und Weinstöcken.

Der Fahrer lobt uns. Er habe schon viel erschöpftere Gruppen abgeholt Wir seien ja richtig fröhlich. Was für ein sympathischer Mann. Dann beginnt er von der Historie Südtirols zu erzählen und hört nicht wieder auf. Thea, die neben ihm sitzt, muss fleißig nicken. Was für ein anstrengender Mann.

Nach einer Dreiviertelstunde im Berufsverkehr erreichen wir das Hotel - und werden gleich wieder ausquartiert. Etwas mit den Buchungen hat nicht geklappt, so dass wir uns auf drei Herbergen verteilen müssen. Doch zum Abendessen treffen wir uns und finden um in einem Esssaal mit dem Charme eines Sanatoriums wieder. An einer langen Tafel speisen wir unter Neonlicht und sind umgeben von Methusalems.

Die anschließende Planung wird durch den Bindfadenregen zunichte gemacht. Keiner hat Lust, in die miefige Jacke zu steigen und auf der Suche nach einer lauschigen Laube durch die Nacht zu irren. Schließlich landen wir in dem Hinterzimmer eines der drei Hotels, wo wir immerhin Wein und Hintergrundmusik bekommen. Jeder entschließt sich für sich, friedlich zu bleiben. Nach einer solchen Woche wollen wir uns den letzten Abend nicht durch miese Stimmung versauen. Ohnehin war die letzte Etappe anstrengend. Die Federn rufen.

 

7. Tag: Am reichhaltigen Frühstücksbuffet sind wir die ersten. Zwischen acht und halb neun soll uns der Bus abholen und wieder nach Oberstdorf bringen. Natürlich kann der Himmel heute kein Wässerchen trüben. Doch dafür haben wir auf der Heimfahrt noch einmal ausgiebig Zeit, uns umzuschauen und die Urlaubsbilder-Galerie im Kopf zu vervollständigen.

Gegen 14 Uhr erreichen wir das Allgäu. Ein paar von uns beschließen, noch etwas trinken zu gehen, die anderen machen sich auf die Heimfahrt.

Der Abschied fällt schwer. So eng haben wir eine Woche lang zusammengelebt uns gegenseitig bei unseren Zipperlein geholfen, Freud und Leid geteilt. Wir waren eine gute Gruppe. Am liebsten möchten wir im nächsten Jahr zusammen die Anschlusstour von Meran nach Verona laufen. Doch im Stillen weiß jeder, dass sich ein solches Erlebnis nicht wiederholen lässt.

Auf den Fotos werden wir die Tour noch einmal in Gedanken laufen, dabei den Regen schon vergessen haben und noch ein bisschen an der Urlaubsstimmung hängen, bevor uns der Alltag wieder vereinnahmt. Doch nicht ganz. Immerhin wissen wir jetzt dass wir keine Warmduscher sind, sondern Gebiergswanderer, für die der Weg von Oberstdorf nach Meran doch allenfalls mittelschwer ist.